City Maut? Mehr Raum fürs Rad!
Michael Häupls Wiener SP-Regierung läßt in wohlkalkulierter Manier fünf suggestive Fragen an die Bevölkerung herantragen, Zweck der Übung: Wahlkampf. Ziel: Verteidigung der Absoluten gegen FP. Nebeneffekt: Diskreditierung der direkten Demokratie durch Instrumentalisierung. Am meisten mediales Aufsehen erregt gerade die Frage 3: Soll in Wien eine Citymaut eingeführt werden?
Wir meinen: einfache Fragen brauchen einfache Antworten – Ja! Jede Maßnahme zur menschenfreundlichen Stadtgestaltung ist willkommen. Jeder Raumgewinn für Radfahrende ist ein Gewinn für die Stadt. Eine komplexe Situation braucht jedoch ein ergebnisoffenes Abwägen verschiedener Lösungsvorschläge, und dann ein sinnvolles Maßnahmenbündel, in dem City Maut oder Road Pricing ein Bestandteil sein kann – aber nicht muss.
Das Leitbild einer lebenswerten Stadt mit nachhaltiger, gesunder Verkehrsgestaltung jedoch muss für diese Überlegungen bindend sein. Öffentlicher Verkehr, Gehen und Radfahren als Fortbewegungsmittel müssen als Alternative zum KFZ gestärkt werden. Bei der täglichen Entscheidung, welches Verkehrsmittel ein Mensch wählt, müssen denjenigen, die unreflektiert und gewohnheitsgemäß zum Autoschlüssel greifen, attraktive Umstiegsanreize und verlockende Umdenkanstöße geboten werden. Zusätzlich braucht es ein verkehrsstrukturelles Umfeld, das sanften Druck erzeugt: Hin zu einem klimafreundliche Verkehrsverhalten.
Raum für Menschen gewinnen
Auch Verkehrsplaner Prof. Knoflacher wünscht sich “klare Lösungen“: Man müsse die Autos von der Oberfläche weg in die Parkgaragen bekommen. Denn gerade der ruhende Verkehr beansprucht große Flächen, die besser genutzt werden könnten. Die Wiener Parkraumbewirtschaftung trägt wohl das ihre dazu bei, dass KFZ-Fahrten minimal gesunken sind, muss aber über den Gürtel ausgeweitet und vor allem wie eine Kurzparkzone kontrolliert werden, was sogar der ARBÖ fordert. Der Schlüssel jedoch liegt bei der Reduktion der Parkplätze und Ersatz durch unterirdische Sammelgaragen, die für die Nutzer die Verlockung des Autos vor der Haustür abschwächen, den Weg zur Öffi-Haltestelle dadurch attraktiver und den Griff zum Fahrrad – bestenfalls stets bereit im Radraum – zur zeitsparenden Gewohnheit machen.
Stadt fair teilen
Dieses so genannte Äquidistanzmodell stellt Chancengleichheit zwischen den Verkehrsmitteln her und lenkt sanft zur umweltfreundlichen Mobilität – es findet sogar zögernde Befürwortung der ÖAMTC-Akademie. Der Raumgewinn durch Minimierung oberirdischer Parkplätze lässt sich in Steigerung der Lebensqualität ummünzen: Begrünung, Fußgängerraum, Fahrradstraßen, Nahversorger, Spielzonen… kurz: Lebensraum. Fairer lässt sich Raum in der Stadt nicht teilen, dem Leitsatz von Verkehrsstadtrat Rudi Schicker sei damit eine neue Bedeutung gegeben: Autofreie Straßenzüge, verkehrsberuhigte Zonen, lebensfreundliche Zentren.
Umsteigen leicht gemacht
Daneben braucht es flankierende Maßnahmen, um das Mobilitätsverhalten nachhaltig zu ändern: Der Umstieg vom motorisierten Individualverkehr zu klügeren Lösungen benötigt Anreize, das Ziel muss sein, nicht nur Nutzung sondern auch individuellen Besitz von KFZ sanft aber stetig zu reduzieren, um den gewünschten Gewinn an gesamtgesellschaftlicher Lebensqualität erreichen zu können. Ein Mix aus großzügiger Fahrrad-Verkehrsförderung, Imagekampagnen, Umstiegsprämien, Öffi-Ausbau und gefördertem CarSharing erleichtert die Entscheidung, auf das ohnehin kostenintensive Auto zu verzichten.
City Maut und Road Pricing
Finanzielle Hürden, das eigene KFZ in Ballungszentren zu nutzen, sind eine starke Entscheidungshilfe. Einige internationale Beispiele von London über Mailand bis Stockholm zeigen Erfolgsbilanzen für City-Mauten als Lenkungsinstrument. Gerade das größenmäßig vergleichbare Stockholm erzielt jährliche Einnahmen von ca. 100 Mio. Euro/Jahr und einen Rückgang der verkehrsbedingten Emissionen von 8 bis 14 Prozent und der Zahl der bei Verkehrsunfällen verletzten Personen in der Maut-Zone um 5 bis 10 Prozent. Auch die City-Maut kann also eine wirksame Maßnahme für Klimaschutz und Lebensqualität im städtischen Bereich sein. Gerade im Wiener Fall hängt ihre Effizienz aber sehr von der Ausgestaltung ab: Wo liegt die Maut-Grenze, welches Erhebungs-System wird eingesetzt, welche Steuerung der Einkaufsströme wird die Folge sein, entstehen soziale Ungerechtigkeiten? Zu einer ernsthaften Beantwortung der populistischen Frage der SP Wien wären all diese Dinge abzuklären: “Man muss ja die Folgewirkungen berücksichtigen, bevor man solche Sachen fragt. Die Leute, die das beantworten, sollten wissen, was da herauskommt,” meint auch Prof. Knoflacher.
Maßnahmenpaket “Raus aus dem Auto, rein in die Stadt!”
Die Mischung wird das erfolgreiche Rezept ausmachen. Ein visionäres, starkes Maßnahmenpaket aus Parkraumbewirtschaftung und –reduktion, Umstiegsanreizen, lenkender Verkehrsplanung, Attraktivierung unmotorisierten Verkehrs und intelligent eingesetzter Umstiegsförderungen ist gefragt. Und ja, auch innerstädtisches Road Pricing oder Maut kann dazugehören. Denn auch die Kostenwahrheit des KFZ-Verkehrs stimmt nicht, wie ARBÖ und ÖAMTC ständig behaupten: Jeder Steuerzahler finanziert Infrastruktur und Instandhaltungskosten mit, nur 44% der Kosten werden tatsächlich durch KFZ-Abgaben getragen. Wohingegen jeder radgefahrene Kilometer dem Gesundheitssystem sparen hilft: Eine Verdoppelung des Radverkehrs in Österreich könnte 300 Millionen Euro jährlich einsparen!
Hier gibts ein Vienna Online-Interview zum Thema mit Alec von der IGF und Hr. Willi Resetarits:
PS: Die wahlkämpfende Wiener Volksbefragung kostet laut ÖVP 7,6 Millionen Euro.
Unsere Umfrage ist auch suggestiv, aber kostenlos:

15% Radverkehrsanteil für Wien? Charta unterzeichnen!




18. Januar, 2010 um 00:02
Und eines ist klar: Alltagsradfahrer haben von einer City Maut nichts zu befürchten – sie können
dadurch nur gewinnen!
18. Januar, 2010 um 09:59
Leider verstehen viele Verkehrsplaner und Politiker die Problematik noch immer nicht. Dass das Auto viele Nachteile hat (vor allem: Lärm, Schmutz, Platzverbrauch fahrend+ruhrend) ist offensichtlich. Aber statt wie derzeit diese Nachteile einfach als gegeben hinzunehmen und alles zu tun, um das Autofahren trotz dieser Nachteile möglichst klass zu machen, sollte man endlich aufhören, dem Autoverkehr alles unterzuordnen, und einen Verkehr fördern, der weniger Nachteile hat (nämlich: Gehen, Fahrrad, Öffis).
Wer sich in der Planung nach dem Autoverkehr richtet, bekommt noch mehr Autoverkehr, und noch mehr Probleme. Wer sich aber nach Fußgängern, Radlern, Öffi-Fahrern richtet, bekommt mehr Fußgänger, Radler, Öffi-Fahrer – und damit weniger Verkehrsprobleme.
Die zukünftige Stadt ist eine Stadt der “sanften” Monilität. Leuchtendes Vorbild für Politiker und Verkehrsplaner. Kopenhagen.
18. Januar, 2010 um 10:24
Danke wiedermal fürs Erstellen dieser Umfrage.
Es ist einfach wichtig, dass in der Stadt Grünkorridore & Grüngebiete geschaffen werden, die dann auch zu Fuß und mit dem Rad gut erschlossen werden können. Im Konzept der Umgestaltung des 1. Bezirks im Rahmen des U-Bahnbaus ist die Innere Stadt. z.B. als Grünoase geplant gewesen. Was wir heute haben ist eigentlich nur als der erste Schritt gedacht gewesen. Danach wurde es versäumt, weiter zu machen.
Und bitte, Hört auf, den Platz der Fußgänger (=primäre und meist genutzte Fortbewegungsart) zu beschneiden. Fahrräder sind Fahrzeuge und gehören auf die Fahrbahn. Solange das nicht fix ist, ist es fatal, mehr “Radwege” ohne Sicherheit und voller Gefahrenstellen zu fordern.
18. Januar, 2010 um 10:28
mehr radwege? lieber roland, wir fordern eben, dass das fahrrad raum auf der fahrbahn bekommen soll, weisen auf die gefahren von (gehsteig)radwegen hin und dies seit langem und vehement: http://lobby.ig-fahrrad.org/forderungen/
auch die streichung der radwegbenutzungspflicht (aka “fahrbahnverbot”) steht schon immer auf unseren fahnen. also, willkommen im klub.
18. Januar, 2010 um 10:54
Ja bitte mehr Radwege, Radwege sollen die prioritäten der jetzigen autowege haben und umgekehrt.
Ich denke da zb an den Wientalradweg Längenfeldgasse->Karlsplatz. Da liegt noch schnee von vor einem Monat rum
Sollen die Autos doch mit dem Schnee kämpfen.
Im Ernst: Eine verbreiterung der Fahrstreifen “gegen die Einbahn” und auch auf zb der Mahü wär auch mal was. (Wenn dann ekine 4spurer mehr durchpassen: pech gehabt
18. Januar, 2010 um 10:58
verkehr, umwelt, das sind begriffe, die beim nichtreflektierenden autobenutzer einfach nicht greifen.
was ich aber interessant finde, daß die wirtschaft nicht einlenkt, denn es geht ja “nur” um die autoindustrie und die (tief)baukonzerne. für beide sind rollende und stehende autos extrem wichtig.
die mehrheit der wirtschaft aber profitiert vom auto ja gar nicht. mich wundert daß die wirtschaftsleut, die am drücker sind, dies nicht übernasern, obwohl schon genügend zahlen (und die zählen bei der wirtschaft)vorliegen.
allein ein beispiel, welches vor unseren wiener augen liegt:
kärntner strasse, graben, kohlmarkt: seit da die autos weg sind ist der umsatz um ein vielfaches angestgiegen, denn es passen viel mehr menschen auf einen fleck so groß wie ein autoarkplatz als autos, und die leute bringen das geld nicht die parkplatzsuchenden und parkenden autos…
die politik hinkt leider der wirtschaft natürlich immer nach. vor allem wenn wir so entschluss- und aktionsUNfreudige politiker haben wie derzeit. welche die nicht erkennen, daß eine stadt auch lebensqualität haben kann, ohne lärm, gestank und platznot durch autos verursacht.
vielleicht kommt mal ein politiker der die zeit richtig deutet,
wie in münster, kopenhagen, oder seoul, wo z.b. eine schnellstrasse ersatzlos den autos genommen und mit prächtigen öffentlichen bussystem und viel begrünten platz den menschen (und nicht den autofahrern) gegeben wurde.
übrigens ein hinweis den politikern: arbeitsplätze sind nicht nur in der autoindustrie und im bau,sondern auch in der regonalen wirtschaft, wenn man die infrastruktur damit schafft, eben leute spazierenlassen geht (fussgänger sollen vorrang haben, ampelschaltungen attraktiver für diese machen), radfahrer zügig durch die stadt fahren lässt und nicht diese zick zack radwge realisiert wo man als radfahrer ein vielfaches an km macht als das auto für die selbe strecke etc.
natürlich wenn man es fördert, daß es billiger für die grossketten ist an den stadtgrenzen seine geschäfte und shoppingzentren zu bauen dann greifen die leute sowieso aufs auto zurück.
bei guter infrastruktur für öffis, rad, fussgänger in der stadt (nicht nur zentrum, auch alle anderen bezirke) blüht das gewerbe auf, sprich arbeitsplätze werden geschaffen.
10. Februar, 2010 um 15:04
Im Facebook steht schon eine kleine Gemeinde hinter “ProCitymaut”:
http://www.facebook.com/group.php?gid=260641244462)
jedes Mitglied ist ein Zeichen gegen eine Auto-Stadt und motiviert hoffentlich auch seine Stimme bei der Volksbefragung abzugeben und für eine City Maut zu stimmen.