Für jedes Sommerloch ein Taferl! Debatte zum Selberbasteln.
Zuverlässig wie in den 60ern das Ungeheuer aus dem Loch Ness taucht heutzutage das Radnummerntaferl aus dem Sommerloch auf. Es scheint unverzichtbares Requisit in der verzichtbar-populistischen Scheindebatte um die imaginierten Medienmonster namens “Radrowdies” und war bisher der aufmerksamkeitsschnorrenden Law-&-Order-Fraktion zuzurechnen, also bei FP und VP im Herrgottswinkerl aufbewahrt. Nun tat das Unthema einen Qualitätssprung abwärts und riss den sonst oft treffsicheren Bürgermeister Häupl mit in Richtung Basis: Die Kennzeichenpflicht für Fahrräder sei eine “interessante Idee“, gab er der APA zum Besten und damit den Blättern Grund zum tagelangen Sommerrausch. Wir meinen, dass diesem Thema aufgrund realpolitischer Unwahrscheinlichkeit und verkehrssicherheitlicher Wirkungslosigkeit damit für heuer genug Energie gewidmet wurde, und bieten: Das Sommerlochtaferl zum Selberbasteln!
Denn eines ist – mit nüchternem Abstand und abseits des Getöses betrachtet – allen Entscheidern klar: Kennzeichen für Fahrräder bewirken nur hohen Verwaltungs- und Kostenaufwand und keinerlei Sicherheitszugewinn. Es gibt daher keine sachlichen Gründe dafür und keine entscheidenden BefürworterInnen, weder in BMVIT noch Polizei, ebenso wenig bei ÖAMTC oder ARBÖ. Was war aber passiert, dass Häupl die Frage nicht mit einem sonst üblichen “Wos brauchma des?” abtat: Die Basis der SP Wien war meinungsmacherisch gefährlich nahe an die FP geraten und hatte auf den niederen Ebenen beinahe nach einem Standpunkt der Stadtpartei pro Radkennzeichen gerufen. Das Thema wurde aber beim Parteitag nicht debattiert und somit auch gerade noch ferngehalten, aber eine “interesante Idee” musste als Zugeständnis an die SP-Basis wohl sein, die nicht nur in diesem Fall Richtung Blau liebäugelt.
Damit hat Schwergewicht Häupl der verzichtbaren Debatte unerwartetes Leben eingehaucht. Boulevard und FP-affine ParteisoldatInnen wurden zufriedengestellt, und auf diesem Weg zur Bestätigung eines radfahrerInnenfeindlichen Mythos massiv beigetragen: Wenn selbst Häupl für Kennzeichen “plädiert”, ist die Gefahr auf unseren Straßen, Gehsteigen und Radwegen, die von der Radelmeute ausgeht, ja tatsächlich so groß wie befürchtet! Das ist der tasächliche Schaden, der damit angerichtet wurde. Und dieser Schaden betrifft das ohnehin schon angeheizte Klima auf Wiens Straßen – und damit auch das erwärmte Klima allgemein. Denn wer steigt schon auf ein gefährdendes Anarchistenfahrzeug wie das Rad um, sei es noch so billig und umweltfreundlich? So verdecken mediale Bilder die tatsächlich befriedende Wirkung, die höherer Radverkehr auf Städte hat. Dem Bürgermeister und seiner Basis sei Dank.
Das ausgelöste Getöse war groß: Innenstadtgouvernante “Warnweste” Stenzel sprang auf den Zug auf, den Koalitionspartner Chorherr zu bremsen versuchte, indem er richtig stellte: “90 Prozent aller Unfälle mit Verletzten und Toten werden nicht durch Radfahrer ohne Kennzeichen, sondern durch Autos mit Kennzeichen verursacht.” Zu spät, die Presse freute sich bereits über “Häupls Kampf gegen die Radfahrer” und die Krone hatte schon die Umfragekeule ausgepackt. Aber Überraschung: Die Kroneleserschaft stimmte mit 53% dagegen, ÖVP-Juracka fands auch nicht dufte und auch Bures erteilte eine Absage. Auch Partei-intern folgte Kritik von Armin Hanschitz, SPÖ-Bezirksrat in der Brigittenau und Initiator der SPÖ-Radfreunde:
“Wenn Kennzeichenpflicht heißt, dass Fahrräder Nummerntafeln tragen sollen, bin ich dagegen. Das gibt es nirgends in der Welt, es würde einen unsachgemäßen Verwaltungsaufwand und unnötige Kosten bedeuten. Außerdem erhöht es die Sicherheit nicht.” So ist es! Nein zu Radnummerntaferl jeder Art. Wer noch weitere Argumente dagegen braucht, lese hier bei der ARGUS nach.
Jedem Sommerloch ein Taferl basteln!
Wer noch andere passende KandidatInnen für das Sommerloch-Wunschkennzeichen weiß, einfach hier die druckfähige Bastelvorlage runterladen, mit Konterfei versehen, am Radl montieren oder auch elektronisch anwenden: lobby@ig-fahrrad.org
Der nächste Kandidat: Hans Rauscher
Herr Rauscher aus dem 1er-Kastl des Standard schlägt nun in die selbe Kerbe, erstaunlich für ein gesellschaftsliberales Blatt aber gewohnter ganz schlechter RAU-Stil. Wie war da der Abschlusssatz im Vergleich mit den diagnostizierten Radgefahren?? “Ohne Ironie: Die Eindämmung des Hundekots…“. Herr Rauscher, selbst mit Ironie und mit Verlaub ist der Vergleich: Scheisse. Voilá:
Hier unten findet sich ein Scan seines Kastlsermins. Es geht aber auch anders im Standard, sehr gut dieser Leserkommentar: http://derstandard.at/1342948132132/Nummerntafeln-auf-Fahrraeder–Kanonen-auf-Spatzen















30. Juli, 2012 um 21:41
ich fordere sofort Kennzeichen für KFZ:
http://www.vienna.at/unfall-in-wien-alsergrund-autofahrer-ueberrollte-fuss-einer-radfahrerin
31. Juli, 2012 um 11:37
RAUscher macht den reaktionären schimpfonkel auf der 1er-seite ja leider schon seit jahrzehnten. das radelthema passt da rein ins muster: net vü ahnung aber vü meinung mit hausverstand… und mehr rage als courage.
brieferln sind unterwegs, wer mag: hans.rauscher@derstandard.at
1. August, 2012 um 18:12
Ja, ich fordere auch Kennzeichen für KFZ!