Radfördernde Maßnahmen für Wien: 5 Vorschläge
In „Beiträge zur Stadtentwicklung“ der MA18 wird erfreulicherweise von der „Zunehmenden Beliebtheit des Radfahrens in Wien“ berichtet. Der Radverkehrsanteil ist schon nahe an 6% des Modal Split, die Untersuchungsergebnisse zeigen Ansatzpunkte für weitere fördernde Maßnahmen. Abteilungsleiter DI Madreiter stellt abschließend richtig fest, dass sich da noch große Potentiale zeigen und sich „durchaus ein Handlungs- und Verbesserungsaufruf an die lokale Verwaltung und Politik ableiten lässt.“ Diese Sichtweise unterstützt die Radlobby.IGF naturgemäß und schlägt fünf Maßnahmen vor.
1) Vorgezogene Halteflächen für Radfahrende an Ampeln.
Diese Markierungen, auch bekannt als „aufgeblasene Radstreifen“ oder engl. „Bike Boxes“, geben den Radfahrenden den nötigen Raum auf der Fahrbahn, erhöhen ihre Sicherheit durch Sichtbarkeit und die Möglichkeit, vor dem dahinter stehenden KFZ zu starten. In vielen europäischen und US-amerikanischen Städten wird diese billige und unaufwändige Maßnahme flächendeckend eingesetzt, bedeutende Beispiele unter zahllosen sind London, Brüssel oder Portland, aber auch lokale wie Salzburg. In Wien existieren nur 4 dieser Markierungen! Hier wäre schnelles Handeln im Interesse des Radverkehrs leicht möglich, der sprichwörtliche Kübel Farbe hilft dabei tatsächlich.
2) Grundsätzliche Öffnung von Einbahnen für Radfahrende.
In Wien sind bereits zahlreiche Einbahnen für den Radverkehr geöffnet. Da durch die Öffnung von Einbahnstraßen die Attraktivität des Radverkehrs massiv verbessert werden kann, ohne dass damit negative Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit oder auf andere Verkehrsteilnehmer verbunden sind, wäre die prinzipielle Öffnung von Einbahnen eine große Erleichterung für Radfahrende und Verwaltung.Brüssel, beileibe keine Fahrradstadt sondern für noch weniger Radverkehrsanteil als Wien bekannt, hat 2009 per Gesetz alle Einbahnen für Radfahrende geöffnet. Wien kann diesem Beispiel auf Verwaltungsebene folgen, oder auch auf eine diesbezügliche Änderung in der StVO bundesweit hinarbeiten.
3) Fahrradstraßen einführen.
Die Möglichkeit, Straßenzüge als „Fahrradstraße“ auszuschildern, d.h. dass die gesamte Fahrbahn von Fahrrädern genutzt werden kann, deren Geschwindigkeit von KFZ als Höchstgeschwindigkeit eingehalten werden müssen und Radfahrende Vorrang haben, könnte bald auch in der österreichischen StVO verankert werden. Beispiele aus Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien zeigen dass diese Maßnahme bei bestimmten Situationen (hoher Radverkehrsanteil, Bedarf für angebotsorientierte Verkehrsplanung) sehr sinnvoll ist, auch der österreichische Städtebund unterstreicht dies. Sobald die rechtliche Grundlage geschaffen ist, sollte Wien auch zu dieser radverkehrsfördernden Maßnahme greifen.
4) Radwegbenützungspflicht flexibilisieren.
Die Stadt Wien gehört schon lange zu den vordersten Vertretern der Forderung nach einer Abschaffung der Radwegbenützungspflicht, was 2009 auch vom Städtebund gemeinsam unterstützt wurde. Ein Hinwirken auf möglichst umfassende Flexibilisierung der StVO in dieser Thematik ist nötig, um eine praktikable und alltagsradtaugliche Situation herzustellen. Sobald diese Änderung der StVO verabschiedet ist, kann Wien alle Radwege im Stadtgebiet zur freiwilligen Benutzung freigeben – und sollte das auch tun!
5) Errichtung von Fahrrad-Boxen.
Gerade im innerstädtischen dicht verbauten Gebiet – ideal für Radnutzung, aufgrund der kurzen Wegstrecken – mangelt es oft an Abstellanlagen in den Wohn- und Bürogebäuden, und ist oft kaum Innenhoffläche vorhanden oder nicht zugänglich für die Haus- bzw. Bürogemeinschaft. Die fehlenden Möglichkeiten zum sicheren Abstellen bzw. Einschließen in einer Fahrradbox, auch in Zusammenhang mit den höheren Investitionskosten für die Anschaffung von Elektrorädern, kann zur Entscheidung gegen das Rad als Verkehrsmittel führen. Ausweg ist die Möglichkeit, im Öffentlichen Raum abstellbare Fahrradboxen zu schaffen. Dazu müsste einerseits die verwaltungsrechtliche Grundlage geschaffen und andererseits finanzielle Förderung ermöglicht werden.
Wir haben nun maßgebliche Personen der Stadt Wien, allen voran Stadtrat Schicker, und andere verkehrspolitische Organisationen um Stellungnahme zu diesen Vorschlägen ersucht und werden Auszüge daraus hier veröffentlichen, sobald sie eingetroffen sind.
Für ein radfreundliches Wien!
Update 29.6.: Nun hat uns eine ausführliche Reaktion der MA18, Ing. Thomas Berger, auf unsere Vorschläge erreicht. Wir nehmen dies als erfreulich offenes Signal und hoffen, dass nicht nur neue sondern auch bestehende Mehrzweckstreifen für “vorgezogene Halteflächen” geprüft werden. Hier ein Auszug aus dem Schreiben:
“Auch ein vermehrter Einsatz der im Schreiben angesprochenen vorgezogenen Halteflächen wird seitens der Verkehrsbehörde, insbesondere im Zusammenhang mit der Realisierung neuer Radfahrstreifen/Mehrzweckstreifen, geprüft. Ebenso wird bei jeder Änderung der Verkehrsorganisation das Thema Radfahren gegen die Einbahn mit überlegt. Auf Grund der vorhandenen Straßenverhältnisse kann jedoch derzeit nicht jede Einbahn für Radfahren entgegen der vorgesehenen Fahrtrichtung geöffnet werden.
Ich ersuche Sie um Verständnis, dass an jene Maßnahmen, die auf Bestimmungen der StVO basieren und damit nicht im rechtlichen Einflussbereich der Stadt Wien liegen, erst dann seitens der Stadt herangetreten werden kann, wenn seitens des Bundes entsprechende gesetzliche Möglichkeiten geschaffen wurden. Seitens der Stadt Wien gibt es insbesondere für die Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht seit Jahren ein aktives Lobbying in den entsprechenden Gremien, das leider bisher nicht zum gewünschten Ergebnis geführt hat. Sobald die gesetzlichen Vorraussetzung vorliegen wird die Stadt Wien selbstverständlich prüfen, wie das bestehende System mit diesen neuen Lösungsansätzen weiterentwickelt werden kann.”










21. Juni, 2010 um 10:56
Alles ordentliche Vorschläge. Mit dem zusätzlichen Vorteil, dass sie (bis auf Nummer 5) praktisch überhaupt nichts kosten.
By the way: hab die neue velosophie versäumt – wann gibt’s die denn endlich online zum Durchblättern? (oder ist die noch gar nicht erschienen? aus irgendeinem Grund stehen die Erscheinungsdaten nämlich nicht auf der Homepage)
21. Juni, 2010 um 20:20
danke fürs positive feedback. die somer-velosophie erscheint freitags in print und web! http://www.velosophie.at
5. August, 2010 um 17:46
hallo!
als schwer gehbehinderter mensch hab ich ein liegetrike mit elektrohilfsmotor.
wegen der gehbehinderung bräuchte ich einen abstellplatz in unmittelbarer nähe des wohnhauses. leider ist mein liegetrike 2,10 m lang und daher für die auf der argus seite beschriebenen lösungen zu lang. auch weil wir 2 gehbehinderte im selben haus sind, brauchen wir eine speziallösung.
wer kennt sich da gut aus und könnte uns beraten?
liebe grüsse
manfred
12. November, 2010 um 19:33
Hallo,
wie sieht es mit Geschwindigkeitsbeschränkungen aus? Die kämen der Sicherheit aller zu gute und kosten nicht viel. Warum muss selbst in engen Einbahngassen mit beidseitigem Parkstreifen teilweise mit Tempo 60 geheizt werden? Ein geringeres Spitzentempo würde viele enge Überholmanöver überflüssig machen und den Lärm reduzieren. Das würde die Fahrt in den Seitengassen viel angenehmer und sicherer gestalten. Für mich die wichtigste Maßnahme!
12. November, 2010 um 19:55
ja, flo, natürlich ist die geschwindigkeitsdrosselung von MIV auch für IGF ganz wichtig, siehe zB hier im verkehrssicherheitspapier: http://lobby.ig-fahrrad.org/download/37/ : “Im Ortsgebiet sollte Tempo 30 in der StVO als Standard festgelegt werden…”