2.4.: Schönwetter-Radeln mit Minister

berlakovich

Gestern lud Umweltminister Berlakovich zum Auftakt der Radsaison. Am Programm stand eine Fahrt mit Rad-Testimonials Christiane Soeder und dem Dompfarrer von St. Stephan sowie Medien- und WirtschaftsvertreterInnen vom Stubenring zum Museumsquartier. Bei herrlichem Frühlingswetter fuhr der Tross von behelmten Menschen im business-look mit nagelneuen Rädern auf dem Ring-Radweg zum Bobo-Tempel wo eine Pressekonferenz folgte. Mein Rad ist zwar nicht so neu, in meiner GdG-Jacke machte ich als ig-fahrrad-Beobachter trotzdem gute Figur und natürlich extrem wichtige Lobby-Arbeit.

Ich wollte selbst sehen, ob das jetzt Schmähradeln ist oder ein sinnvoller Beitrag zur Förderung des Radfahrens. Die Antwort darauf fällt auf jeden Fall gemischt aus. Wenn ich als Mitfahrer mich an Aussagen fast vom Rad fallender Wirtschaftskämmerer abarbeiten muss, wie „Bei Unfällen mit Radfahrern sind sehr oft Radfahrer schuld.“ macht die Radförderung wenig Spaß. In der Pressemappe die inzwischen obligaten  Verhaltenshinweise für RadfahrerInnen. Da hätte ich mir auch an Kfz-LenkerInnen gerichtete Botschaften erwartet. Gut war der Hinweis des Ministers auf das Safety in Numbers-Prinzip: der Zusammenhang zwischen höherem Radverkehrsanteil und steigender Verkehrssicherheit.

Der Schwerpunkt lag auf der wirtschaftlichen Bedeutung des Radelns, wozu gemeinsam mit der Wirtschaftskammer eine  Kurzstudie präsentiert wurde. Grundsätzlich gut, wenn die erkannt und bekannt gemacht wird. Andrerseits waren dadurch Hinweise auf die Dominanz des motorisierten Verkehrs tabu. Die Fahrradwirtschaft mit ihren 18000 Beschäftigten sei eben schmalbrüstig gegen die angeblich 300.000 der Autobranche, womit mir ein Mitarbeiter des Umweltministeriums begründete, dass es die Schrottprämie nur für Neuwagen gibt. Der Gesundheitseffekt, vor allem durch das tägliche Einbauen in den Tagesablauf wurde von Christiane Soeder, die auch Ärztin ist, gut dargestellt. Die weniger leicht in Geld messbaren Vorteile des Radfahrens blieben trotzdem unterbelichtet.

Aus der Sicht der Öffentlichkeit tragen solche Aktionen sicher bei, die Vorteile des Radfahrens bekannter zu machen. Ich freu mich prinzipiell auch, wenn das Radfahren (an einem Tag!) richtig viel in den Medien vorkommt. Bei solchen Gelegenheiten wird oft, wie gestern vom Umweltminister, von einem „Radboom“ gesprochen. Diesen „Radboom“ gibt es in meiner Wahrnehmung seit 20 Jahren. Seit dem Mountainbike, dem Trekkingbike, den Citybikes bis zum gestern als Radtrend präsentierten Elektrofahrrad . Es war (und ist?) weitgehend ein Radverkaufsboom. Freudig wurde auch gestern von ca.  500.000 jährlich verkauften Rädern berichtet. Auch das freut mich noch. Wieso bleibt das Radfahren dann eine marginale und marginalisierte Mobilitätsform, jedenfalls im Alltag und abgesehen von den großstädtischen Zentren und einigen beispielhaften Gemeinden? Ist diese Form der Radförderung doch nicht so erfolgreich?

Gestern hätte an der Stelle des Umweltministers auch der Wirtschaftsminister sitzen können. Ich denke, der Umweltminister sollte sich uneingeschränkt auf die Seite des Umwelt- und Klimaschutzes und damit des Radverkehrs stellen. Den Rad-Frühling müsste er dann anders feiern, nämlich mit den RadlerInnen und offenen Ohren für deren Anliegen und Kritik anstatt mit einer Schönwetteraktion für Wirtschaft und Medien.

Fidelius, 3. April, 2009, Kategorie: Blog.

Ein Kommentar zu “2.4.: Schönwetter-Radeln mit Minister”

  1. roland | landscaping.at schreibt:
    4. April, 2009 um 20:21

    Lieber Fidelius,

    ein sehr ausgewogener Bericht von der Promo-Tour. Wenn ich mir das so durchlese bin ich mir aber nicht ganz sicher, ob die Sache nun ernst gemeint ist, oder ob damit einfach nur eine Pflichtagenda absolviert wird. Naja, beantwortet sich vermutlich von selbst.

    Was mich auch immer wieder interessiert bei solchen Aktionen: Was passiert nach der Aktion mit den Fahrrädern. Gibts da einen Sponsor, der sie dann einfach auf ebay versteigert mit dem gewissen Promi-Extra oder werden damit gar Mitabeiter des Ministeriums ausgestattet. Haben Berlakovitch und die Truppe aus der WKO kein eigenes Rad. Das wäre nämlich ein ernstzunehmender(er) Effekt, wenn man zeigen kann, dass sie ein eigenes Fahrrad besitzen.

    Freu mich das es euren Blog gibt und vielleicht werd ich ja echt hier auch ein paar mal schreiben.

    LG
    Roland

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