Die Strassenbahnschiene und Ich
Von User M. erreicht uns folgende Anfrage, die ja alle RadlerInnen in Wien, der Stadt mit dem längsten Straßenbahnnetz Europas, dauernd beschäftigt:
Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin eventuell ein Hosenscheißer, aber ich habe beim Radfahren auf Straßen mit Straßenbahnschienen immer ein sehr ungutes Gefühl, weil ich mit den Reifen nicht in den Schienen landen will:
- Fahre ich rechts von den Schienen, habe ich nur einen sehr schmalen Streifen frei, auf dem dann meistens noch Gullideckel, Streusplit und sich öffnende Autotüren zu finden sind.
- Fahre ich zwischen den Schienen, werde ich (verständlicherweise) von den dahinterfahrenden Autofahrern angehupt, was mich auch nicht besonders fröhlich stimmt.
Gibts da irgendeinen praktikablen Weg? Radwege sind ja in Wien leider nicht wirklich eine Alternative, da ich nicht sooo viel Zeit habe, um die entsprechenden Umwege zu fahren.
Also Hosenscheißerr… nö, damit haben wir alle zu kämpfen und fast jedeN hats schon mal auf dem Gleis erwischt, ausgerutscht meistens. Was sagt denn der Schlaue Radgeber dazu, der ja von IG Fahrrads Alec mitverfasst wurde?
Die Stadt Wien besitzt mit rund 179 Kilometern Gesamtgleislänge das viertgrößte Straßenbahnnetz der Welt. Das ist schön für eine Vorzeigestadt des Öffentlichen Verkehrs – aber mühsam für wenig erfahrene RadfahrerInnen. Zu Recht sind für jene Straßenbahngleise gefürchtete Hindernisse, die Angst, durch „Einfädeln“ ins Gleis oder Wegrutschen zu Sturz zu kommen, ist groß. Oft wird eine Ausflucht in möglichst breiter Bereifung gesucht, jedoch ist mit der richtigen Fahrtechnik und dem mit der Erfahrung steigenden Selbstvertrauen auch ein Bimgleis keine Falle mehr. Das Kreuzen eines Gleises in Fahrtrichtung kommt naturgemäß auf jeder Fahrt mehrfach vor und ist gerade beim Anblick sich öffnender Türen, ausparkender Autos oder vortretender FußgängerInnen unvermeidlich. Dabei ist neben einem kühlen Kopf vor allem der Anfahrtswinkel ans Gleis (mindestens 45°) und die Konzentration auf die Einhaltung der Körperspannung (gestreckte Arme, Ellbogen nach außen) wichtig.
Gerade beim Annähern an vorgezogene Haltestellenkaps, die ja nur eine schmale Spur zwischen Gehsteigkante und Gleis freilassen, ist es wichtig, rechtzeitig an den Wechsel übers Gleis zu denken, sich mit Schulterblick zu vergewissern, ob kein Auto (oder kein anderer Radler) gerade zum Überholen ansetzt und diese im besten Falle mit einem Handzeichen zu verständigen – bevor man das Gleis kreuzt, einhändig ist dies nicht zu empfehlen! (…) In diesen Situationen müssen viele Handlungen und Entscheidungen in kürzester Zeit getätigt werden – das kann schon mal zu Stressgefühlen führen, wenn man nicht rechtzeitig vor dem Kap mit den nötigen Abläufen beginnt.
Oft verstehen Autolenker den Grund für diese Manöver nicht, da sie ja nicht extra auf Details der Fahrbahnbeschaffenheit achten müssen, und reagieren unwirsch hupend auf diese – für sie so wirkende - Verletzung des Rechtsfahrgebotes. Zu Unrecht, muss der Radfahrer doch nur so weit rechts fahren, wie er sich nicht selbst gefährdet.
Bei feuchtem und/oder eiskaltem Wetter werden Straßenbahngleise zusätzlich zur Rutschgefahr. Man reagiert am sichersten mit zusätzlicher leichter Verlangsamung und Vermeidung von Lenkmanövern direkt auf dem Gleis.
Besondere Vorsicht gilt auch beim Umgang mit den Schienenfahrzeugen selbst. Einer sich nähernden Straßenbahn ist laut StVO Platz zu machen, im Realfall ist das aber oft schwierig bis unmöglich – die Reihe parkender Autos lässt keinen Platz, die nächste Querstraße zum Ausweichen ist weit, auf den Gehsteig springen keine Option. Also: Geduld bewahren und hoffen, dass der Straßenbahnlenker die Problematik einsieht – ansonsten sollte man sein Geläute ignorieren bis zur Ausweichmöglichkeit oder Haltestelle. (Das gilt auch fürs Hupen von Autolenkern, M.!)

15% Radverkehrsanteil für Wien? Charta unterzeichnen!




14. Oktober, 2009 um 17:18
Ich habe das für mich so gelöst: Ich fahre prinzipiell zwischen den schienen. So werden die Kreuzungen auf ein Minimum reduziert (Habe superschmale reifen)
1) In den seltensten fällen zahlt es sich für Autolenker aus zu überholen (rote ampel bereits in sicht) oder es ist ohnehin zu wenig platz. Und wenn doch dann ist genug platz vorhande dass sie trotzdem überholen können.
2) Die Straßenbahn selbst hat in den inneren bezirken derart viele stationen, dass sie mir als radler ohnehin nicht nachkommt. Ärgerlich nur, wenn man dahinter ist, überholen ist selten möglich….
Hupende Autolenker gehören sowieso angezeigt(Soweit ich weiss gilt ja Hupverbot), in der von M beschriebenen Situation ist es definitiv nicht verständlich oder angebracht.
15. Oktober, 2009 um 06:02
Ja, auch ich hatte schonmal die verhängnisvolle Bekanntschaft mit einer Strassenbahnschiene: in die Schiene gekommen, ausgerutscht und dabei gegen ein gerade einparkendes Auto geknallt und während dem Rutschen den Seitenspiegel des Autos abgerissen – zum Glück hat das die Versicherung gezahlt.
Seither beherzige ich jednfalls die Regeln: wenn immer möglich die Schienen “steil” genug queren, und wenn der Seitenabstand zu knapp ist, zwischen den beiden Schienen fahren.
22. Oktober, 2009 um 11:00
NIE, NIE, NIE würde ich rechts von den Schienen fahren, wenn dort nicht wirklich viel Platz ist (1.5 Meter aufwärts). Sonst unbedingt immer zwischen den Schienen!
Alles andere ist lebensgefährlich. Und die Autofahrer werden sich eben dran gewöhnen müssen statt ständig Leute anzuhupen (was übrigens verboten ist).
15. November, 2009 um 18:46
Ich fahre auch prinzipiell zwischen den Schienen, und zwar etwas rechts von der Mitte. Habe zwar dabei ein etwas ungutes Gefühl, das Gefühl rechts von den Schienen ist aber um einiges mehr ungut. Fahre schon seit Jahren mit einem Seitenspiegel, das beruhigt sehr weil ich sehe (und nicht nur höre) was sich hinter mir abspielt.
8. Juni, 2010 um 08:07
Was mir fehlt in dem Beitrag:
Das Hauptproblem beim kreuzen der Gleise ist es, wenn gleichzeitig gebremst werden muss! Das allerdings ist bei einem unerwarteten Hinderniss (Autotüre; Menschen, die hinter Lieferwagen hervortreten; Scherben; Autos aus Querstrasse; …) Solange die Reifen rollen ist es verhältnismäßig einfach zu queren (entsprechendeder Winkel vorausgesetzt)
21. Juni, 2010 um 14:06
ich habe mir mein stadtrad mit mountainbike-reifen (richtig breite) ausgerüstet. benötigt zwar mehr energie beim fahren aufgrund der stoppel, aber anscheissen bei schienen ist bei mir so ein relikt der vergangenheit.
sieh’s positiv: der mehr-energieaufwand für dein fortkommen resultiert in höherer grundkondition
lg, markus