Velo-City Brüssel 3. Rückblick und Rückfahrt
Der letzte Teil unserer “Live”-Serie über die IGF-Teilnahme an der Velo-City 2009 in Brüssel soll das atmosphärische Bild etwas verdichten und noch einige der vielen Themen anreißen, die jedes für sich eine Nachlese verdienen. Abschließend möchte ich ein paar Eindrücke von meiner Rückreise teilen, die mich über Amsterdam und Linz in den Wiener (Rad-)Alltag zurückführte.
Die Velo-City endete wie sie begonnen hatte, ganz im Zeichen der EU, in deren Parlament die letzte Sitzung der Konferenz durch routinierte Reden von EU-Beamten und -Politikern eröffnet wurde. Der EU-Bezug kommt ja schon im VC 2009-Logo zum Ausdruck. Aus der Sicht unserer Dachorganisation, der ECF, die letztlich eine Brüsseler Lobby-Organisation unter vielen ist, macht das bestimmt Sinn. Es können Kontakte zu den EU-Akteuren verfestigt werden und die Bühne Velo-City nötigt diese zu expliziten Aussagen zur Fahrradpolitik.
Standen der erste und der letzte Tag sehr im Zeichen dieser offiziellen Statements zu denen Fragen und Diskussionen erst gar nicht vorgesehen waren, kam es an Tag 2 und 3 doch zu vereinzelten lebhaften Diskussionen. Etwa am Ende des Plenums zu globalen Perspektiven wie Klimawandel, Gesundheit und Peak Oil als Heiner Monheim nicht mehr zu halten war und einen flammenden Appell an alle richtete, sich nicht mit bescheidenen Zielen für den Radverkehr zufrieden zu geben, sondern das notwendige Ende der Massenmotorisierung zu fordern.

Auch das war Velo-City und EU: Critical Mass vor dem Berlaymont-Gebäude, dem Sitz der Komission
Die Atmosphäre der Konferenz-Location, ein ehemaliger Güterbahnhof fängt der kurze Film “United Bicycles of Europe” von Mikael Colville Andersen ein, der in einer der leerstehenden Hallen des Tour&Taxis Geländes entstand. Blogger Mikael (copenhagenize.com, copenhagencyclechic.com) war auch einer der “Botschafter” Kopenhagens in der Dänischen Cycling Embassy, eine Art Lounge wo Ole´s Espresso-Rad auf Koffein- und Lifestyle-Junkies wartete.

Danish Cycling Embassy
À propos Lifestyle. Beim Plenum Kommunikation und Marketing löste der Vortrag von Guillaume Vanderstichelen das meiste Echo aus. Der erfolgreiche Werber (“zwei Bromptons – eines für den BMW, eines für den Mercedes”) plädierte, Radfahren zu einem Statussymbol zu machen. Die aufgeworfene Frage, wie Werbeanstrengungen der Radhersteller jemals die mediale Präsenz des Automobils aufwiegen sollen, konnte er aber auch nicht beantworten. Mir gefiel die von Helle Søholt, Gehl Architects, vorgeschlagene Formel: “Making the physical invitation”, womit die Herstellung großzügiger Straßenräume für die nicht-motorisierten VerkehrsteilnehmerInnen gemeint ist, wie seit heute, 25.Mai, in New York auf dem Weg der Umsetzung.
Ein wiederkehrendes Thema war auch die Ökonomische Bewertung der Effekte des Radfahrens, der mehrere Sessions gewidmet waren. Wieviel bringt ein geradelter Kilometer? Wieviel bringt er wenn er statt mit dem Auto zurückgelegt wird? Die Methoden um diese Effekte zu zeigen wurden stark verbessert und die Zahlen sind vielversprechend. Hoffentlich bringen die vielen VertreterInnen von Städten und Regierungen diese Botschaft auch an die verantwortlichen PolitikerInnen. Da sollten wir auch mit dran arbeiteten.


Im EU-Parlament kam dann doch noch der Radaktivismus an prominenter Stelle zu Wort. In der Person von Nathalie Bedel, deren Poster von den TeilnehmerInnen zum besten der Konferenz gewählt wurde. Es zeigt, wie sich die Fahrrad-NGOs in Lyon als Pignon sur Rue zusammengetan haben um mit finanzieller Unterstützung u.a. der Stadt dauerhafte Strukturen, wie das Maison du vélo, einzurichten und die Interessen der Radfahrenden gemeinsam effektiv zu vertreten.
Beim Bürgermeister-Stv. von Kopenhagen Klaus Bondam, der die Velo-City Staffel von Brüssel übernahm, könnte man auch meinen es handle sich um einen Radaktivisten, so energisch vertritt er seine Politik, den Anteil der täglichen RadlerInnen in seiner Stadt von ca. 35% auf 50% bis 2015 erhöhen zu wollen. Dabei betont er, es gäbe sehr wohl in Dänemark auch eine starke Autolobby, es bedürfe eben genügend Standfestigkeit de PolitikerInnen dem umweltverträglichen Stadtverkehr den Weg zu ebnen. Europaweit soll dazu die Charta von Brüssel beitragen, die aus unserer Sicht sehr sinnvolle Politikziele im Sinne des urbanen Fahrradverkehrs enthält, und der sich alle Städte anschließen können.
Kopenhagen wird Ort der ersten Velo-City Global 2010 und stellte sich als “City of Cyclists” vor:
Um Fahrradstadtluft zu schnuppern und aufgrund der günstigen Bahnverbindung fuhr ich über Amsterdem zurück. Beeindruckend wieviel und mit welcher Lockerheit dort Rad gefahren wird. Die schöne Szene im video mit dem Pärchen – oft gesehen. Nebeneinander fahren – selbstverständlich, dabei einmal leicht touchiert – nix passiert! Am Gepäckträger einen Freund mitnehmen - ständig zu sehen, ebenso wie Eltern mit 2 Kindern auf dem Fahrrad oder 3 Kleinen auf dem Lastenrad. Als ich mein Leihrad bei OrangeBikes, einem der vielen Fahrradverleiher für Amsterdam-Reisende, retournierte und noch wissen wollte ob ein Rad nicht zwei Bremsen haben sollte, erntete ich freundliches Unverständnis.

Pro-Fahrradkampagne "Amsterdam Cycling to Sustainibility"...und gleichzeitig modernes Stadtmarketing.
In Linz aus dem Zug ausgestiegen traf ich zufällig Mirko Javurek von der Initiative fahrRad OÖ wieder, der auch aus Brüssel retour kam und wir genossen das aufgrund des Marathons weitgehend autofreie Linz und den letzten Tag der Subversiv-Messe, wo auch die bike-kitchen dabei war.
Zurück in Wien stellt sich die Frage, wie wir einem Teil der guten Ideen in die hiesige Praxis verhelfen können. Die Tatsache, dass die Stadt Wien im Moment die Charta von Brüssel noch nicht unterstützt, stimmt da nicht sehr optimistisch. Die Aussagen stehen mit keiner Zielsetzung der Stadt Wien im Widerspruch. Sie abzulehnen heißt auch massive positive Effekte eines höheren Radverkehrsanteils für das Gemeinwesen abzulehnen. Darüberhinaus zeigen Kopenhagen und Amsterdam welche Möglichkeiten im Fahrrad für Städtetourismus und Stadtmarketing stecken. Ich glaube es geht jetzt um Überzeugungsarbeit. Die IG Fahrrad hat daher eine Petition gestartet um Wien dazu zu bewegen, die Charta von Brüssel doch noch zu unterzeichnen.

15% Radverkehrsanteil für Wien? Charta unterzeichnen!




