Wiental Highway – Ein kleiner Schritt für Radfahrende, aber ein großer Sprung für die Beamtenschaft

Wiental Highway Visualisierung 1Angang Juli präsentierten Verkehrsstadtrat Schicker, Umweltstadträtin Sima, sowie die Grünen GemeinderätInnen Gretner und Chorherr die Pläne der Stadt Wien für den nächsten Abschnitt des “Wientalhighways” zwichen Hackinger Steg und Kennedybrücke. Die IGF war vor Ort: Das Projekt “Wientalhighway” exisitert ja schon lange — zumindest als Rot-Grünes Projekt — und hätte tatsächlich das Zeug für eine visionäre Radwegachse entlang des Wienflusses von Auhof bis zur Urania. Ein städteplanerischer Streich, um den uns manch andere Metropole sicherlich beneiden könnte. Aber Wien ist anders, und es wäre nicht die erste Vision deren Verwirklichung an Bürokratie und Sicherheitsbedenken scheitert. Also bleiben auch wir zunächst am Boden und schauen uns genauer an, was die RadfahrerInnen im Westen dieser Stadt erwartet.

Wiental Highway Visualisierung 1

Visualisierung des geplanten “Radhighways” (Pressedienst Wien, AXIS)

Was viele gar nicht wissen: Ein Stück “Highway” gibt es ja schon seit ca. drei Jahren — selbst wenn es im Wiener Online-Stadtplan nicht eingezeichnet ist — und zwar von Hütteldorf U4 (Hackinger Steg) bis Auhof, quasi Stadtgrenze und über den verkehrsplanerischen Kartenrand hinaus. Dieses Teilstück soll nun stadteinwärts verlängert werden bis zur Kennedybrücke (U4-Hietzing, Schönbrunn, Tiergarten), in ähnlicher Bauweise und Konzeption.

Letztere ist durchaus bemerkenswert, und eine Besichtigung des bestehenden Teilstücks lohnend: Eigentlich ist das Ganze nur ein “Bedienweg” der Magistratsabteilung 45 Gewässerbau, ein am linken Rand des gepfasterten Flußbetts aufbetonierter vier Meter breiter Weg, der gnadenhalber oder sagen wir “synergetisch” zwar als Spazier- und Radweg ausgeführt ist, aus rechtlichen Gründen aber kein Radweg sein darf und deshalb auch nicht in den Stadtplänen aufscheint. Wien ist eben anders, falls das nicht schon erwähnt wurde.

Das Ganze errinnert sicher auch aufgrund seiner dezentralen, naturnahen Lage ein wenig an Donauinsel und Trepplweg — wenn es da nicht das Problem mit dem Hochwasser gäbe. Denn alle paar Jahre führt die Wien Hochwasser und wandelt sich vom harmlosen Bächlein zum reißenden und wirklich nicht zu unterschätzenden Mister Hyde. Meist nach größeren Gewittern kommen gewaltige Wassermengen aus dem westlichen Wienerwald zusammen, für die es in Auhof zwar noch Auffangbecken gibt, aber innerhalb einer halben Stunde muss der Wienfluss geräumt sein, denn dann räumt sich das Wasser seine Bahn selber. Zusätzlich verengt sich das Flussbett stadteinwärts und wird entsprechend tiefer, die Wassermengen beschleungien sich noch weiter. Beim Jahrhunderthochwasser 1997 waren es 260 Kubikmeter pro Sekunde bei einer Höhe von 4,70 Metern.

Um die Sicherheit der Wienerinnen und Wiener besorgt hat die MA45 also eine Warnanlage installiert, die im Fall des Falles Alarm schlägt und die BesucherInnen mit Blinklicht, lautem Getöse und sogar mehrsprachig zum Verlassen des Gefahrenbereichs auffordert. Das Schauspiel ist einer Weltstadt des Theaters durchaus würdig.

Solcherart in städtischer Obhut und Sicherheit gewogen soll es also ab 2011 bis zur Kennedybrücke weitergehen. Ein- und Ausfahrtsmöglichkeiten werden bei der St. Veiter Brücke und der Astgasse eingerichtet. Bei der Kennedybrücke endet der “Highway”-Abschnitt mit einer Rampe in den Hadikpark, von wo bis Schönbrunn und dann entlang des Wientalradwegs in Richtung Innenstadt weitergeradelt werden kann.

Nocheinmal zurück zur ursprünglichen Vision des “Highways”. Die Attraktivität dieser Idee besteht sicherlich darin, eine geradlinige und ampelfreie Radfahrachse vom Westen Wiens in die Innenstadt zu legen. Wer die bestehende Radroute kennt, weiß ein Lied davon zu singen. Diese führt immer wieder rund um hochfrequentierte U-Bahn-Ausgänge, zwingt zu zahlreichen Ampelstopps und gleicht in ihrer Streckenführung mehr einem Slalomlauf als einer hochrangigen Radwegverbindung.

Vergleich Rad-Kfz

So funktioniert Wiens Verkehrspoltik: Während für Kfz sechs praktisch geradlinige Spuren zur Verfügung stehen verläuft der Radweg über weite Strecken im Zick-Zack

Um größere Distanzen mit dem Rad zu bewältigen wäre der Highway also eine ideale Ergänzung. Neue Zielgruppen (PendlerInnen) und “FreizeitradlerInnen” könnten damit angesprochen werden. Doch dieser Vision wird mit dem geplanten Teilstück kaum näher gekommen, in erster Linie deshalb weil der ganze Spaß schon vor Schönbrunn endet. Der “Radhighway” sollte zumindest bis zum Rüdigerhof  beim Naschmarkt reichen, um eine verkehrspolitisch nennenswerte Dimension zu erreichen. Dann wäre nämlich auch klarer, warum von einem Highway die Rede ist, denn in diesem Bereich würde der Weg in sichererer Höhe seitlich an die Mauer des Wienflusses eingehängt.

hadid einhaengung

Wie der Radhighway konkret aussehen könnte ist am Donaukanal (unter dem Zaha Hadid Gebäude) zu besichtigen. Auch hier wurde der Radweg “an die Wand gehängt”.

Aber zurück zur Planungsrealität: Vier Meter breit soll das neue Teilstück werden, ausgeführt als Mischfläche für Fußgeher- und RadlerInnen, das steht natürlich im krassen Widerspruch zum Namen “Highway”. Schicker nennt das Teil auch manchmal “Radautobahn” — offenbar bringt er da einiges durcheinander. Aber immerhin, die Mischfläche ändert nichts an Ampelfreiheit und Geradlinigkeit, also bleibt abzuwarten wie stark der Bereich von gassigehenden Hunderln mit ihren Herrchen und Frauchen und dazwischen quergespannten Leinen frequentiert wird. Es bleibt jedenfalls zu hoffen, dass sich daraus nicht wieder eine der typisch Wiener “Radrowdy”-Diskussionen entwickelt, nur weil die städtischen VerkehrsplanerInnen wieder einmal — und entgegen allen offiziellen Beteuerungen — Rad- und Fußverkehr zusammenwürfeln.

Eine Wintersperre (und sogar Nachtsperre?) soll es geben, für Schicker und Co. exisitert offenbar immer noch die “Radfahrsaison”. Es ist noch unklar ob die Wege tatsächlich physikalisch abgesperrt werden oder nur “auf eigene Gefahr” und “nicht geräumt” — schließlich ist das alles offiziell ja auch kein Radweg. Aber aller Anfang ist schwer, und es ist ja nicht ausgeschlossen, dass die Gemeinde sich z.B. aufgrund großer Nachfrage dazu entschließt, den Highway auch im Winter von Schnee und Eis zu räumen. Eine tatsächliche Unbenutzbarkeit für die gesamte Winterperiode wäre jedenfalls ein schlechter Scherz.

Bleiben noch die unvermeidlichen Jahrhunderthochwässer, bei denen der “Highway” ebenfalls für einige Zeit gesperrt werden muss. Hier spielt der Klimawandel ganz in die Hände der strikten Highway-GegnerInnen (wie z.B. auch ARGUS-Wien, die von einer “Schnapsidee” spricht). Stimmt schon, jede Sperre ist besonders für den Berufsverkehr ärgerlich, hier wird die Praxis zeigen müssen, wie häufig und wie verkraftbar diese sein werden. Leider liegen uns derzeit keine Zahlen über die hochwasserbedingten Sperren des bestehenden Abschnittes der letzten Jahre vor. Im Vergleich zur Wintersperre erscheint das Problem allerdings zweitrangig.

Und grundsätzlich ins Eingemachte geht die Diskussion, wenn es darum geht ob der “Radhighway” nicht sowieso nur ein teures Vorzeigeprojekt ist, und es nicht sinnvoller wäre Kfz-Spuren und Parkplätze an der Oberfläche zu reduzieren um damit den bestehenen Wientalradweg zu begradigen und auszubauen.

Zugegeben, schön wäre es natürlich, wenn Wien mit seinem “Radhighway” wirklich etwas vorzuzeigen hätte — was in den nächsten Jahren aber nicht abzusehen ist. Und sicher ist es notwendig auch den Wientalradweg deutlich zu verbessern, so wie viele Radverbindungen der Stadt mehr als verbesserungsbedürftig sind. Denn durch den teilrealisierten “Radhighway” könnte auch der Wientalradweg zwischen Schönbrunn in der Innenstadt stärker frequentiert werden und mehr Bedeutung bekommen. Und ganz grundsätzlich sollten die RadfahrerInnen sich nicht gegeneinander ausspielen lassen, sondern gemeinsam für bessere Fahrbedingungen auftreten. Angesichts der Unsummen, die die Stadt Wien für den Kfz-Verkehr ausgibt sind die Kosten für den Radhighway — selbst in voller Ausführung bis zum Donaukanal — absolut vernachlässigbar.

Fazit:
Wien tut sich schwer mit dem Radfahren, was sicher daran liegt, dass es von Verkehrsverantwortlichen in erster Linie als Freizeitbeschäftigung für Sportliche gesehen wird.

Demnach wird auch der “Wiental-Radhighway” mehr als Freizeitanlage denn als echte Verkehrsachse und noch dazu sehr halbherzig verwirklicht. Dennoch ist damit zumindest der Fuß in der Tür für einen weiteren Ausbau zur echten Schnellverbindung in die Innenstadt. Die Wiener RadfahrerInnen könnten ja durchaus auf den Geschmack kommen und mit starker Stimme “Mehr davon!” fordern. Wir jedenfalls tun das schon lange.

Interviews mit Gretner, Schicker, Corherr, Kuchling:

martin, 21. Juli, 2009, Kategorie: Allgemein, Blog.

3 Kommentare zu “Wiental Highway – Ein kleiner Schritt für Radfahrende, aber ein großer Sprung für die Beamtenschaft”

  1. Rene schreibt:
    21. Juli, 2009 um 11:34

    Wien Radweg

    Mit der Verwirklichung ohne Rückbau der Straße an der Oberfläche bzw. Bevorrangung der Öffis oder Alternativen zum MIV wird die Politik der Wiener SPÖ fortgesetzt. An erster Stelle steht der Fußgänger, an erster Stelle steht der Radfahrer, an erster Stelle stehen die Öffis bzw. an erster Stelle stehen die Autos.

    Wenn der Radweg im Wiental gebaut wird sollten die Öffis ab Hütteldorf verdichtet werden. Parallel dazu sollte eine Fahrspur für Busse reserviert werden (Abfahrtspunkt U4 Hütteldorf).

  2. flo schreibt:
    21. Juli, 2009 um 18:45

    hach, es wäre ja zu schön gewesen, wenn der “highway” breit und nicht im mischverkehr bis zur urania geführt hätte…

  3. ameno schreibt:
    21. Juli, 2009 um 16:54

    chorherr schreibt man mit 2 r am schluß (1. satz).
    JahrhunderThochwasser.

    inhaltlich super und sehr konstruktive kritik imho, danke!

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